Was du ablehnst, bleibt - Über die Kraft des Loslassens

Heilung

von Katharin Poth | 21.04.2020

“Wie geht das eigentlich mit dem Loslassen?” Das war eine Frage, die ich mir selbst und anderen Menschen oft gestellt habe. Eine konkrete Antwort habe ich – wie so oft auf wichtige Fragen – nicht bekommen. Eher ein: “Es kommt ganz darauf an”. Bei diesen Fragen ging es mir zu diesem Zeitpunkt darum, wie ich zwei bestimmten Menschen vergeben kann, von denen ich – so dachte ich damals – nichts als Ablehnung erfahren hatte.

Wie geht das eigentlich mit dem Loslassen?

Auf meinem ersten Retreat lernte ich wie wichtig Vergebung wirklich ist.

Das war und ist für mich heute noch immer ein großes und mächtiges Thema. Denn oft weiß ich kaum wie ich das schaffen kann. Wie ich mir gerecht werden kann. Wie ich es schaffe ein guter Mensch zu sein, so zu handeln, dass ich selbst mich mag.

Auf meinem ersten Reatreat kam ich auch zum ersten mal mit einem Vergebungsritual in Kontakt. Alle Teilnehmerinnen des Retreats fanden sich abends zusammen. Es war dunkel und der Raum war erfüllt von Kerzenschein. Gemeinsam blieben wir in Stille. Niemand sprach. Jeder blieb bei sich. In diesem geborgenen Rahmen nahm sich dann Jede von uns Zettel und Stift und schrieb einen Brief. Einen Brief an die Person, der wir vergeben wollten. Dabei ging es darum, alle Emotionen fließen zu lassen. Bei dieser Übung darf alles raus und alles darf aufgeschrieben werden.

Anschließend gingen wir gemeinsam auf das Dach des Gebäudes und verbrannten unsere Briefe.

Es war ein symbolischer Akt des Loslassens.

Dabei standen wir alle im Kreis und schauten nach oben in den Sternenhimmel. Der Wind pfiff uns um die Ohren – als ob er unser Päckchen davontragen würde. Als ich an der Reihe war zum Feuer zu gehen und meinen Brief zu verbrennen, spürte ich die Hitze des Feuers. Und da ging er schon in Flammen auf – mein Brief. Es schien fast zu einfach. Schließlich gingen wir zurück in den schützenden Raum und gemeinsam sangen wir ein Mantra.

Da merkte ich, dass das Loslassen auch eine Änderung in mir benötigt. Eine Änderung meiner Sichtweise. 

Denn alles an die Elemente der Natur abzugeben würde nicht mehr reichen. Zu lange hatte ich darauf gewartet, dass jemand anderes mir mein Päckchen abnimmt. Und in diesem Moment flossen die Tränen nur so in Strömen. Und es war gut.

Tränen, die die Heilung besiegeln?

Lass mich dir sagen: Ich liebe dieses Ritual! Es hat etwas Magisches. Eine Power, eine Erdverbundenheit und eine unbeschreibliche Kraft ist dabei spürbar.

In diesem Moment – so dachte ich – habe ich damit begonnen loszulassen und zu vergeben.

Ich fühlte mich frei und war zufrieden mit mir. Schließlich ging es um eine schwierige Situation, mit der ich mich schon mehrere Jahre beschäftigt hatte. Zurück zuhause sah die ganze Situation dann ganz anders aus.

Auf Von dem Frieden, den ich glaubte gemacht zu haben, war plötzlich kaum noch etwas spürbar: Nur eine Woche nach meiner Rückkehr vom Retreat eskalierte die Situation mit den beiden Menschen, denen ich vergeben hatte, so extrem, wie noch nie zuvor. Es zog mir den Boden unter den Füßen weg, zerriss mich förmlich.

Doch ich ließ mich von diesem Rückschlag nicht beeirren. Ich ging weiter, arbeitete mit einem Coach an den Themen, die aufkamen, praktizierte das Vergebungsritual noch einmal für mich allein zuhause. Ging in die Natur und verteilte die verbrannte Asche intuitiv im Wind, damit das Thema endlich wegflog. Endlich weg von mir. Damit es endlich nicht mehr so weh täte.

Doch rate mal was geschah… Das Thema kam erneut zu mir zurück. Es ging weiter: Ich hatte den Kontakt zu den besagten Menschen abgebrochen – fand das auch völlig in Ordnung. Es war besser für beide Seiten. Aber damit war es nicht genug. Von anderen, mir vertrauten Personen, wurde an mich herangetragen welche Geschichten diese beiden Menschen über mich erzählten. Und diese Situation belastete mich wieder. Plötzlich hatte ich erneut den Rucksack voller Gepäck und fühlte mich schwer.

Hatte ich all das nicht losgelassen?

 

Die Ablehnung folgte wie ein Schlag ins Gesicht

Ich verkroch mich, zog mir die Decke über den Kopf, hielt mir die Augen zu – wie ein kleines Kind, das denkt, dass es dann nicht mehr gesehen würde. Ich wollte einfach nur dass all das aufhört.

Konnten sie mich nicht einfach in Ruhe lassen?

Doch das Verstecken half nicht – stattdessen ging es weiter. Ich bat die mir vertrauten Menschen darum, mir nicht mehr zu erzählen, was über mich gesprochen wrid. Entzog mich der Situation also wieder. Und natürlich gingen die Geschichten über mich weiter. Sie schrieben Briefe, die nicht an mich gerichtet waren, die mich aber dennoch erreichten – und irgendwie wollte ich sie auch lesen. Ist das nicht verrückt? Obwohl ich keinen Kontakt wollte – auch nicht wissen wollte, was über mich geredet wurde, wollte ich diese Briefe lesen.

Und was soll ich sagen: Da stand auf einmal schwarz auf weiß, über mehrere Seiten, was diese Menschen von mir hielten. Ein Schlag ins Gesicht. Da gab es dann auch nichts mehr zu deuten – keine Missverständnisse oder Interpretationsspielräume. Sie lehnten mich einfach ab.

 

 

Der Schmerz machte sich bemerkbar, wie ein verbranntes Kind

Warum erzähle ich dir diese Geschichte?

Sie enthält zwei Aspekte, auf die ich genauer eingehen möchte:

Zum einen habe ich einen Fehler gemacht und abgelehnt, dass mir dieses Ereignis in meinem Leben widerfahren ist. Ich wollte es nicht wahr haben, habe versucht es weg zu drücken, die Augen zuzumachen, mich davor zu verstecken und auch die Verbindung zu diesem Ereignis zu kappen. Ich habe versucht es weg zu machen, es schnell hinter mich zu bringen, schlichtweg einen Haken dran zu machen.

Aber warum wollte ich dieses Ereignis ungeschehen machen?

Weil es mir einfach weh tat, schon wieder so verletzt worden zu sein.

Ich wollte, dass der Schmerz endlich aufhört. Das Ereignis hat einen verletzten und verdrängten Anteil in mir gereizt. Dieser unterdrückte Teil wurde immer verzweifelter und extremer und suchte nach Gelegenheiten, um sich zu zeigen. Hinter dem Schmerz über dieses Ereignis lag jedoch ein Ereignis verborgen, das in meiner Vergangenheit noch viel weiter zurückliegt.

Diese lange vergangene, schmerzhafte Erfahrung machte sich bemerkbar, wie ein verbanntes Kind: Es wollte umsorgt und geliebt werden und endlich Beachtung zu finden.

 

Der andere Grund weshalb ich dir diese Geschichte erzähle ist:

Ich wollte mich nie auf dieses Niveau herablassen, so über andere Menschen zu urteilen.

Anfangs habe ich viel Energie in diese Geschichte hinein gegeben. Ich habe mit meinen Freundinnen darüber gesprochen. Habe die Geschichte bis ins kleinste Detail auseinander genommen, um vor mir selbst und den anderen zu bestätigen, dass sie mich ablehnen und es ungerecht ist. Dass sie denken ich sei nicht gut genug.

Aber die Frage ist doch: Warum konnten sie durch das, was sie sagen, solche heftigen Gefühle und Zweifel in mir auslösen?

Weil ich selbst den Boden dafür geliefert habe!

Rückblickend ist die Ablehnung durch die besagten Menschen ein Geschenk, durch das ich erkennen konnte, welchen Teil an mir ich selbst ablehne. Wo ich mir unsicher bin. Wo ich mich nicht richtig fühle. Nicht gut genug fühle.

Warum sollten andere Menschen Teile an mir lieben, die ich selbst so stark ablehne und versuche zu verstecken?

Rückblickend ging es nie darum Recht zugesprochen zu bekommen, oder sich zu rechtfertigen. Das Leben hat mir diese Situationen immer und immer wieder geschickt, damit ich hinsehe. Und der Schmerz musste so groß werden, damit ich bereit war mich dieser Ansicht zu öffnen.

Welchen Grund hätte ich sonst gehabt hinzuschauen?

Loslassen
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Wie du die Kraft des Loslassens für dich nutzt

Gibt es eine Seite an dir, die du nicht magst oder versuchst vor anderen zu verbergen?

Sie zeigen sich oft dann, wenn wir im Alltag – in unseren Augen übertrieben – unkontrolliert mit plötzlich auftretenden Ängsten oder einer heftigen Emotion auf Situationen reagieren.

Diese “dunklen Seiten” entstehen dann, wenn bestimmte Eigenschaften, Verhaltensweisen  oder Vorlieben bei anderen Menschen auf Ablehnung stoßen. Sie verursachen einen Schmerz in uns, den wir nicht fühlen wollen. Und deshalb verbannen wir diese ungeliebten Seiten an uns in die Tiefen unseres
Unterbewusstseins.

Ob eine gezeigte Verhaltensweise von anderen Menschen abgelehnt, oder belohnt wird, lernen wir bereits in der Kindheit. Anteile, für die wir keine Liebe oder Anerkennung erhalten, verstecken wir häufig. Das können negative Eigenschaften wie beispielsweise Neid und Missgunst sein, oder aber auch positive, wie kindliche Neugier und
unbändige Freude.

Was kannst du jetzt konkret tun, um dich mit diesen verdrängten Teile in dir auszusöhnen?

    • Ein erster Schritt auf dem Heilungsweg ist es, dass du hinschaust.
      Beobachte dich selbst und schaue welchen Anteil an dir zu ablehnst.
  • Vielleicht kannst du einen Schritt tiefer gehen und erkennen, wann in
    deinem Leben, in welcher Situation, dieser Anteil von anderen Menschen
    abgelehnt wurde.
  • Das ist schon ein riesen großer Schritt, denn dadurch,
    dass wir hinschauen, heilen wir bereits.

Unter dem Begriff “Heilung” verstehe ich ein Ganzwerden mit allen deinen Aspekten, ein tiefes Verständnis und Mitgefühl für dich selbst und schließlich eine Integration aller deiner Anteile in dein jetziges Leben.

Mache dir bewusst, dass du, allein dadurch, dass du dich mit diesem Thema beschäftigst und diesen Artikel hier liest, bereits auf dem Weg bist. Erkenne dich dafür an!

Vielleicht wirkt einer deiner abgelehnten Anteile gerade so groß, dass du gar nicht weißt, wo du anfangen sollst. Vielleicht spürst du Angst in dir aufsteigen. Vielleicht möchtest du diese Seite an dir einfach nur weg haben. Vielleicht denkst du dir „ich habe schon so viel gemacht und dieser Anteil an mir ist einfach immer noch da“.

Bedenke, dass du diesen Anteil schon dein ganzes Leben lang in dir trägst. Er hatte also lange  Zeit zu wachsen. Und er entspringt aus dir. Das heißt du hast dieses Verhalten, diese Emotion, oder was auch immer es ist, irgendwann einmal aus deinem Herzen heraus entstehen lassen und deinem Umfeld gezeigt. Ganz egal ob dieser Anteil in dir dominant, schüchtern, destruktiv, gleichgültig, rebellisch, fröhlich, überschwänglich oder was auch immer ist:

Welche Chance oder Ressource bietet dir dieser Anteil?

Was nützt er dir? Wann nützt er dir?

Wann bietet er dir einen Vorteil?

Dieser ungeliebte Anteil hat eine Daseinsberechtigung, da du ihn in einer bestimmten Situation gebraucht hast. Es wäre nicht gut ihn einfach nur weg zu machen, denn er ist ein Teil von dir.

Ihn anzuerkennen und zu akzeptieren ist der Weg, um Frieden mit diesem “dunklen” Anteil in dir zu schließen.

 

Ich möchte dich von Herzen dazu einladen dich in den nächsten Tagen genau zu beobachten und die Fragen für dich zu beantworten.

Die Antworten sind bereits in dir. Du bist der beste Experte auf deinem Weg!

 

 

Deine Katharina

 

Katharina Poth

Katharinas Beziehung zu Spiritualität und Persönlicher Weiterentwicklung war lange eher on-off, bis sie sich 2018 schließlich voll und ganz darauf einließ. “Bei meinem ersten Besuch auf einem Retreat, legte ich meine Maske ab und ließ zu, all das zu fühlen, was ich über die Jahre fein säuberlich von mir weggeschoben hatte.” Dabei merkte Katharina, dass auch sie den Wunsch hat, Menschen in Krisen neue Impulse zu geben.  Heute unterstützt Katharina als Coach Frauen auf ihrem Weg und teilt Ihre Leidenschaft und ihr Wissen  auch in Ihren Artikeln hier  auf This Mindful Life

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